Planet der Habenichtse / The Dispossessed

Planet der Habenichtse, Titelillustration von Karel Thole

Autor: Ursula K. Le Guin
Erscheinungsjahr: 1974
Ausgabe: Bibliothek der Science-Fiction Literatur Band 43, erschienen 1976 bei Heyne mit einem Nachwort von Klaus Wiese

Zusammenfassung: Der Physiker Shevek reist auf den Nachbarplaneten Urras, von dem sein Volk vor knapp zweihundert Jahren ausgewandert ist. Seine Vorfahren lehnten das kapitalistische System ab und gründeten eine Kolonie auf dem Wüstenmond Anarres. Hier ist der Zusammenhalt der Gemeinschaft die Basis, durch die Überleben in der feindlichen Umgebung erst möglich wird. Die Anarchisten von Anarres vermeiden Kontakt nach Urras, niemand kommt, niemand geht. Erst Shevek, der mit seinen revolutionären Ideen zwischen den Fronten steht, wagt den Schritt und erlebt eine Gesellschaft, die ihm vollkommen unbekannt und dem Leser sehr vertraut erscheint. Seine Gegenwart auf Urras wird stehts unterbrochen von Rückblicken, die seinen Werdegang auf Anarres betrachten.

Kommentar: „Planet der Habenichtse“ ist mir das erste Mal in die Hand gefallen, als ich noch ein Teenager war. Er stand in der Stadtbücherei und ich erinnere mich noch daran, dass ich ihn mit Begeisterung gelesen habe. Das war auch dieses Mal nicht anders. Der Aufbau des Romans ist bereits so durchdacht und die Geschichte so spannend aufgebaut, dass man sich nur schwer von Sheveks Geschichte lösen kann, bis sie endet. Am Anfang weiß der Leser nichts über Shevek, außer dass er eine Mauer überwinden will. Jeder Deutsche wird jetzt sagen: alter Hut, haben wir längst gemacht. Wobei sich der Roman nicht nur den physischen Mauern widmet, sondern besonders den Mauern, die wir selbst in unseren Gedanken aufbauen und damit noch topaktuell ist. Dennoch spürt man natürlich den Geist der frühen 70er Jahre, den Konflikt Ost und West ganz stark. Wobei uns weder Urras (Ost) noch Anarres (West) als strahlendes Vorbild verkauft werden. Beide Seiten haben Schönes und auch wenn das kapitalistische Anarres sich unserer westlichen Welt annähert, hat Urras kaum etwas mit einem kommunistischen Russland zu tun.

Ursula K. Le Guin hat uns mit Urras keinen strahlenden Kommunismus, sondern Sozialismus ohne einen Despoten entworfen. Und direkt die möglichen Schwierigkeiten eines solchen Systems mit aufgezeichnet. Den Egoismus, der im Einzelnen lauert. An vielen Stellen ist der Roman eher Gesellschaftsutopie oder Bildungsroman als Weltraumschlachten. Science-Fiction bildet der Hintergrund, eine fortschrittliche Gesellschaft mit Raumschiffen, hoch entwickelter Technologie und Kontakt zu außerirdischen (alle menschlichen) Völker, die dennoch nicht die Kluft zwischen Arm und Reich überwinden konnte. Auch die Erde als Terra spielt eine Rolle. Ein Mahnbild, denn Terra ist von ihren Bewohnern zugrunde gerichtet und kaum noch bewohnbar. Im Nachwort „Wahres Reisen ist stets Heimkehr“ von Klaus Wiese weist dieser zurecht daraufhin, dass „Planet der Habenichtse“ in der Tradition großer Sozial-Utopien der Antike steht.

Die Utopie, die auf Urras gelebt wird, beruht auf Freiwilligkeit. Jeder arbeitet, was er mag und jeder hat Sex mit denen, die wollen. Es gibt keine Regeln, in einer freien Gesellschaft, so die Idee, geschehen keine Verbrechen.

„Ein Versprechen ist eine Richtung, die man einschlägt, eine freiwillige Begrenzung der eigenen Wahl.“

Das gilt auch und besonders für monogame Beziehungen, die ungewöhnlich auf Urras sind. Polygamie, freie Entfaltung der Sexualität, sich Ausprobieren ist hier die Regel im Gegensatz zum prüden Anarres, wo hinter geschlossenen Türen Korruption und Laster Einzug halten. Nicht umsonst gibt es keinen Alkohol auf Urras, er ist nicht notwendig, während er auf Anarres genauso als Ausrede fungiert, wie in unserer eigenen Gesellschaft.

„Planet der Habenichtse“ ist trotz vieler aufgezeigter Mängel in beiden Gesellschaftsstrukturen ein hoffnungsvoller Roman, der davon handelt, dass ein Einzelner ausreichen kann, um Mauern vielleicht nicht niederzureißen. Aber um gemeinsam mit anderen die Mauer wieder zu überwinden. Bis sie keine Rolle mehr spielt.

Fazit: Ein absolut lesenswerter Roman, der zum Nachdenken und zur Diskussion anregt und heute mindestens genauso aktuell ist wie 1974.

Techtalk: 3/5
Alienlevel: 1/5
Kitschniveau: 2/5
Zukunftsnähe: 2/5
Denkdichte: 4/5